Welschmarathon: (W)einmalig und voll happy

So easy hätte ich mir’s vorgestellt, und dann kam doch alles ganz anders. Locker anlaufen wollte ich meinen dritten Welschlauf, und dann, wenn Schluss mit locker, einfach genießen. Ab km 30 auch in önologischer Hinsicht. Schließlich gab es 21 Labestellen und damit im Schnitt alle 2 km eine, und bei jenen ab km 25 halten sich die Mengen an Iso und Wasser einerseits und diversen Sorten südsteirischen Weines andererseits die Waage. Ab km 30 also wollte ich pro Verpflegsstelle ein Achterl nehmen und damit dem Charakter des Laufes Rechnung tragen. Das wären dann sechs Achterl gewesen, was viel klingt für einen Marathon, hochgerechnet auf 100 km aber einen Verbrauch von 1,8 Liter ergibt; ein Wert, von dem Autohersteller nur träumen können (von Tesla mal abgesehen).

Eine subjektiv gute Zeit war ohnedies nicht drin, weil 5 kg überm Kampfgewicht würden sich im Laufe des Laufs zu einer immer größer werdenden dem Vortrieb entgegenwirkenden Schwerkraft potenzieren und ließen daher sowieso nicht viel zu. Und außerdem war das Abenteuer ja bloß als „langer Trainingslauf unter Wettkampfbedingungen“ konzipiert.

Welschlauf, das heißt: legendärer, (w)einmaliger Marathon durch das südsteirische Weingebiet über die südsteirische Weinstraße. Von Wies nach Ehrenhausen (in geraden Jahren; in ungeraden Jahren in umgekehrter Richtung). Vorbei an zahlreichen Weingütern, auch an so weltbekannten wie (alphabetisch) Brolli, Gross, Polz, Regele, Sabathi, Skoff, Tement oder Tscheppe. Etwa 1.150 Höhenmeter in -zig Anstiegen rauf, und etwa 1.200 Höhenmeter in ebenfalls -zig Abwärtspassagen runter. Das ist das schöne in den geraden Jahren: Das Ziel liegt tiefer als der Start, man läuft also mehr bergab als bergauf. Was aber ein zu vernachlässigender Vorteil ist. Ich weiß das. Bin ja schließlich schon in beide Richtungen gerannt.Trinkgürtel scheinen angesichts der Fülle an Labestellen entbehrlich, dennoch gehen gar nicht so wenige auf Nummer sicher und schleppen sich mit umgeschnallten Reservetanks ab.

Vom Start weg geht es gleich mal bergauf. Erinnerungen werden wach. Ich überlege: Da kommt dann noch der Anstieg in dem Waldstück auf der Forststraße, jener mit dem tollen Panoramablick, der mit der langgezogenen Kurve am Rande des Weingartens, jener mit der Spitzkehre, wo man auf die hinter einem liegenden Läufer hinabblickt, jener, der so steil ist, dass man überlegt, zu gehen anstelle zu laufen, jener, dessen rechte Straßenseite die Grenze zu Slowenien bildet, und der letzte Anstieg. Den merkt man sich immer. Also: In Summe acht Anstiege. In Wirklichkeit ging es gut 20 mal ernst zu nehmend bergauf. Zwölf Uphills habe ich demnach erfolgreich ausgeblendet. Zwölfmal also die Erkenntnis: Aja, den Anstieg gibt’s auch noch.

Die Herausforderung: Jeder einzelne der 42 km, weil sich kaum zwei gleichen. Es ist (für einen ambitionierten Hobbyläufer wie mich) unmöglich, eine konstante Pace zu laufen. Und genau das macht den Reiz des Laufes aus. Langeweile kommt nie auf. Meine Kilometerzeiten bewegten sich zwischen 5:04 Minuten und 7:45 Minuten (ergab die Recherche im Nachhinein, denn die Blicke auf die Uhr während des Laufes konnte ich an den Fingern einer Hand abzählen).

Das Wetter war so vielfältig und abwechslungsreich wie die Strecke selbst. Leicht bis schwer bewölkt, Wolken in allen Tönen von Weiß bis Grauschwarz, fallweise zum Greifen nahe, dann wieder blauer Sonnenhimmel mit anschließend kühlend leichtem Regen. Alles in allem aber ein traumhaftes Laufwetter.

Ach ja: Warum dann alles doch so ganz anders kam als geplant: Kurz gesagt, weil ich länger locker laufen konnte als erwartet. Viel länger. Bei km 10 war ich erst so richtig warm, auch zur Halbzeit gab’s überraschenderweise noch kaum Ermüdungsspuren. Und bei km 30 weckte einer meiner ganz seltenen Blicke auf die Uhr meinen Ehrgeiz. Ich war erstens erst 3:15 Stunden unterwegs, und zweitens fühlten sich auch die Beine noch gut an. Ich meine, die Anstrengung bis hierher war nicht ohne, was man auch deutlich an den Bildern sieht (und sicher größer als beim Marathon im Rahmen des Ironman in Kärnten), aber ich war wirklich gut drauf. Und all das ließ – mit etwas Glück – auf eine für mich fabelhafte Endzeit von unter 4:30 Stunden schließen. Vor allem, weil die letzten 6 km ja nurmehr bergab gingen.

Binnen einer Sekunde verwarf ich und änderte gleichzeitig meinen Plan: Die Labestellen-Winzer müssen auf ihrem Wein sitzen bleiben. Der önologische Genuss wurde auf den abendlichen Weinstraßenheurigenbesuch vertagt, von nun an stand (weiterhin) der Sport mental im Vordergrund. 75 Minuten für 12 km, das wäre doch gelacht, würde ich das nicht schaffen. Ab sofort galt nur mehr: Und den/die da vorne (da waren dann auch schon Halbmarathonis dabei) hole ich mir auch noch.

Im Ziel „ärgerte“ ich mich dann über die Endzeit von 4:22 Stunden. Gut sieben Minuten unter der während des Laufes zum Ziel gesetzten Planzeit. Da wäre schon noch ein Achterl drin gewesen, und eventuell sogar noch ein zweites…

Die Zeit von 4:22.47 (um 26 Minuten schneller als bei meinem ersten Antreten anno 2004 und 17 Minuten schneller als im Jahr 2015) sorgte für ein breites Grinsen in meinem Gesicht und für totale Happiness und reichte für Platz 97 von 175 Klassierten. Ich führe meine für meine Begriffe famose Leistung einerseits auf das (nahezu fast circa) 100%ige Einhalten des Trainingsplanes meiner Coachin Elisabeth Niedereder und andererseis auf die Verwendung meiner ultraleichten Race-Laufschuhe zurück.

Siegerzeit: 3:08.27, der letzte der 175 Helden erreichte nach 6:53.02 das Ziel.

2018-05-08T21:35:04+00:00

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