Emanuel Sabitzer, IRONMAN Austria-Kärnten

Die Oberschenkel fühlen sich an wie Butter, sind leer, tun weh. Nach 180 Kilometer am Rennrad wechsle ich die Rad- gegen die Laufschuhe. Jetzt, mit leeren Oberschenkel noch einen Marathon laufen? 42 Kilometer? Wie soll das gehen? Es geht!

Emotionen, noch Tage danach. Beim Betrachten der Fotos bin ich sofort wieder mitten im Rennen.
Genau für dieses eine Gefühl, für einen selbst beinahe unvorstellbares geschafft zu haben, brenne ich. Die Reise bis hin zur Ironman-Finishline war hart, lang, voll mit Hindernissen.

Reisedauer 10 Monate

Die Ironman Vorbereitung streckte sich über 40 Wochen. Fast jede Woche 6 Tage Training, zudem der Fokus auf eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, kein Alkohol, etc.
Alles, mit einem Ziel vor Augen, die Finishline beim Ironman Austria. Mit dem persönlichen Wunsch, besagte Linie unter 12 Stunden zu erreichen. Mit der richtigen Trainerin (Lissi) an meiner Seite, machbar. Stundenlange Trainingseinheiten, zermürbende 200 Kilometer Einheiten am Ergometer im Fitnessstudio, lange Läufe bei Schneeregen. Alles, mit dem einen Ziel vor Augen.

Farbe azurblau!

Schwimmbrille auf, und ab! Ohne Neopren, da auf Grund der hohen Wassertemperaturen ein stricktes Neoprenverbot herrschte (Überhitzung droht) ab ins Wasser. Geil! Sofort fühle ich mich wohl, im azurblauen Wörthersee. Finde sofort mein Tempo, einen super Rhythmus. Lediglich nach der Wende, sorgt die aufgehende Sonne für Blendung, schlechten Blick und leichten Orientierungsschwierigkeiten. Die letzten 1000m der gesamt 3,8km langen Schwimmstrecke werden im Lendkanal zurückgelegt. Aus mit blau! Der Kanal eher schwarz, voll mit Pflanzen, überfüllt mir Ironmans. Dennoch blieb ich entspannt, teilte mehr Schläge aus, als ich einsteckte. Nach 1 Stunde und 22 Minuten stieg ich unter jubelnder Zuschauermenge aus dem Wasser.

Weltuntergangsstimmung

Emanuel Sabitzer, IRONMAN Austria-KärntenIn der Wechselzone adjustiert, das Bike geschnappt und ab ging die Reise. Über die komplett neue 180km Runde. Mein Ziel, den 30ig kmh Schnitt nicht zu viel zu überschreiten, klappte ganz gut. Ich hatte mich im Griff. Ab Kilometer 80 kämpfte ich immer wieder mit Krämpfen in den Beinen, vermutlich auf Grund der Schwimmbelastung. Ein, über die Herstellerangaben empfohlener, Salztabletten-Konsum brachte immer wieder Abhilfe gegen die Krämpfe.

Hagel, Starkregen, ernstzunehmende Windböen. Die gepalte Kraft der Natur, gegen meine Sub-12-Stunden-Zielzeit. Bei Kilometer 120 prasselte der Regen so fest auf uns herab, dass viel Straßen überschwemmt waren, einige Sportler ihr Rad sogar schieben mussten/wollten.

Die dünne Haut des Tri-Anzuges spendete ab diesem Gewitter keinerlei Wärme mehr. Nass, ausgekühlt, zitternd stand ich die letzten Kilometer durch. Kein Spaß, keine Kraft, keine Hoffnungen mehr auf die angepeilten 12 Stunden. Die Wechselzone glich einem Schlachtfeld. Überall durchgefrorene, in Rettungsdecken gewickelte, durch Sanitäter betreute Sportler.
Laufschuhe schnüren, fast nicht machbar, mit tauben Fingern. Mir war kalt. Ich wusste aber, ich muss so schnell wie möglich auf die Laufstecke, hier sollte ich mich wieder fangen.

Läuft, einfach unbeschreiblich!

Emanuel Sabitzer, IRONMAN Austria-KärntenSofort wieder aufgewärmt, sofort wieder gut drauf. Ich laufe mein Tempo, meine Pace knapp unter 6 min/km. Ein Tempo, das mich nicht anstrengend. Ich schöpfe die Ironman-Verpflegestellen komplett aus. An jeder Labestation (alle 2–2,5km) trinke ich isotonische Getränke. Jede zweite Labe nehme ich zudem ein Gel zu mir. Kilometer für Kilometer vergeht, immer wieder treffe ich meine Freunde, Bekannte, Verwandte auf der Strecke.

Es läuft, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich muss mich nicht sonderlich quälen, könnte schneller laufen, genieße jedoch lieber. Zeit habe ich nicht im Blick. Durch einen doofen Fehler in der zweiten Wechselzone (Rundentaste einmal zu oft gedrückt) habe ich nun keine Gesamtzeit im Blick. Ist mir in dem Moment auch egal. Nach meiner Hochrechnung bereits am Anfang der 42 Kilometer Laufstrecke peilte ich eine Zeit von etwas über 12 Stunden an, den Tropensturm sei Dank!

Bis dann, 2 Kilometer vor dem Ziel ein Bekannter mich darauf aufmerksam machte, dass sich die Sub 12 noch ausgehen, wenn ich nun Gas gebe. Gesagt getan! Ohne zu wissen, wie viel Gas nötig sei, lief ich mit einer endgültigen Zeit von 11h59min52sec durchs Ziel. Und freue mich doppelt. Unbeschreiblich, unbegreifbar.

JA, ich will!

Noch einen Ironman, noch eine Langdistanz. Nach vielzähligen Sportveranstaltungen ist der Ironman das Beste, Geilste, Atemberaubendste überhaupt. Natürlich, liegt meine Freude und mein Spaß am Rennen (um ehrlich zu sein, hatte ich bestimmt 9 Stunden Spaß, von den gesamt 12 Stunden) auch an der Tatsache, dass ich einfach gut vorbereitet war. Lissi wusste genau, was auf mich zukommen würde, hat mich gefühlvoll dahin gebracht, mich begleitet, Schritt für Schritt. Danke!

Diskussionsthema: Bis nach Mitternacht blieb ich nach meinem Zieleinlauf vor Ort, auch um die „last Finisher“ ins Ziel zu klatschen. Hier fällt einen sofort auf, dass meiner Meinung nach einfach zu viele Leute zu schlecht vorbereitet ins Rennen gehen. Abgesehen von möglichen Pannen bzw. „Problemchen“, finde ich persönlich es einfach nicht als sportliche Leistung, einen, für den Athleten selbst, reibungslosen Ironman in 16 oder 17 Stunden zu finishen. Stärke und Wille muss dafür reichlich vorhanden sein, definitiv. Dummheit und Ignoranz jedoch auch.

Emanuel Sabitzer

Emanuel Sabitzer

…auf der Suche nach seinen persönlichen Grenzen! Nach vielen Jahren im Radsport, wechselt er zum Triathlon, um am 07.07.2019 beim Ironman Austria am Start zu stehen. Neue Reize setzten, Grenzerfahrungen sammeln – Dinge die ihn motivierteren, weiter zu machen, nicht stehen zu bleiben! Er schreibt gerne, er schreibt viel. Über Training, Wettkämpfe, Ernährung. Über Körper und Geist. Über Motivationslöcher und Sportsucht. Provokant, ehrlich und vor allem authentisch!